Lasst uns eine „Bombe der Liebe“ bauen!

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Was wäre ich, wenn ich mich nicht wahrnehmen könnte? Was wäre die Welt, wenn sie nicht wahrgenommen wäre? Irgendeine Art von Vorhandensein vielleicht. Was wissen wir? Eine Ahnung bekommen wir von Helen Keller (27.6.1880 – 1.6.1968), die weder sah noch hörte. Bevor sie lernte, alles über die übrigen Sinnesorgane wahrzunehmen und zu verstehen, war sie in einer Art von dunklem Gefängnis eingeschlossen, sinn- und orientierungslos. Ihre Bücher müssten eigentlich Pflichtlektüre sein, damit es jedem Menschen bewusst wird, wie kostbar unsere Sinne sind. Kinder, die nur gefüttert wurden, die aber  weder Blick  noch Hand berühren durften, starben. Unser ganzes Leben hängt von der Wahrnehmung ab. Ohne Sinne wird alles sinn-los. 

Das Leben ist aber sinn-voll. Was lebt, nimmt wahr, hat Gefühle und Geist, sieht und hört und schmeckt und riecht, fühlt Liebe und Leid. Pflanzen, Tiere, wir Menschen auch. Wir haben etwas, was die Tiere und Pflanzen nicht haben – sie aber haben auch Vieles, was wir nicht haben. Ob das Besondere, was wir Menschen haben, ein Segen oder eher ein Fluch für alle ist, wird sich noch erweisen.

Was ist überhaupt das Besondere, was uns Menschen auszeichnet? Viele sind der Meinung, dass es das Denken ist. Was ist das Denken? Es kann  in einem weiten Sinne verstanden werden. Was heute allgemein darunter verstanden wird, ist etwas ganz und gar Unganzheitliches: eine intellektuelle Tätigkeit, die schon seit den antiken klassischen Philosophen als Verstand bezeichnet wird – im Unterschied zu der Gefühlstätigkeit, die auf Sinneseindrücken baut und denen  eher misstraut wird. 

Im Unterschied zu den fernöstlichen Kulturen, denen es stets um die grundsätzliche Einheit aller Pole durch ihre gemeinsame Wurzel im Herzen ging, stritten sich die antiken Philosophen nahezu vom Anfang an darum, ob mehr auf den Verstand oder auf die Sinne Verlass sei. Bald  erhielt der Verstand  das Übergewicht. Die Sinne waren  diesen Philosophen zu unzuverlässig. Das war richtungsweisend für unsere Kultur, die in der unversöhnlichen Gegensätzlichkeit hängen blieb und sich  in den letzten drei Jahrhunderten  immer mehr nur noch dem Verstand anvertraute. 

Im Sinne der Logik – der logischen Deduktion - ist der Verstand in der Tat zuverlässiger. Er verfolgt einen Weg und führt zu einer Wahrheit. Eine Wahrheit ist aber immer ein Fluch. Eine Wahrheit führt zur Wertung, gibt Recht und Macht. Alles andere ist nämlich nicht „wahr“, nicht „recht“, ist im Unrecht. Das gibt den Menschen, die die eine Wahrheit haben, die Rechtfertigung, sich über andere Wesen zu setzen. In der Zeit des Rationalismus ging es so weit, dass die „verständigen“ Philosophen damals den Tieren die Seele und die Gefühle abgesprochen haben. 

Unsere Massentierhaltung  ist eine späte Folgen der logischen Gespinste des vom Gefühl gelösten Verstands.  Die Überzeugung, im Besitz der einen Wahrheit zu sein, gibt den Menschen einer solchen Kultur auch das Recht, sich über die Menschen anderer Kulturen zu setzen, weil sie (noch) nicht diese Wahrheit haben, weil sie anscheinend bislang mehr den Sinnen als dem Verstand trauen. Wer im Besitz der einen Wahrheit ist, spürt so etwas wie einen „heiligen“ Auftrag, sie allen anderen beizubringen und aufzuzwingen - die Kreuzritter der deduktiven Logik des Verstands! Wieviel Leid hat unsere Kultur den Menschen anderer Kulturen, den Tiere, den Pflanzen - und der Erde selbst - gebracht! Guten Gewissens, das auf dem Wissen des Verstands baut – und ohne Mitgefühl, weil sie nicht auf den Gefühlen baut, sondern ganz objektiv ist und den Gefühlen misstraut. Solange die Pole gegen einander ausgespielt werden, so lange wird die abstrakte unfassbare Allmacht die Erde beherrschen und die Materialisten, die sich auf die Erde beziehen, werden die allmächtige göttliche Instanz bekämpfen. Die Vergangenheit wird die Zukunft  blockieren und die Zukunft der Vergangenheit den Sinn absprechen, das Außen dem Innen und das Innen dem Außen die Daseinsberechtigung entziehen. Die Pole werden sich nie im spielerischen Gleichgewicht halten, wenn sie sich nicht erinnern, dass sie im Herzen ihre gemeinsame Wurzel haben. 

Unsere Kultur hat allein auf die Logik dieser wertenden Unterscheidung gebaut. Andere Kulturen – die indianischen z.B., aber auch viele andere ursprünglichere Kulturen - haben nicht die Unterschiede zwischen Verstand und Gefühl fokussiert und haben auch nicht bestimmte Spezies abgewertet und ausgesondert, sondern integriert und auf der Gemeinsamkeit gebaut. Alle Wesen, die auf der Erde leben, sind für sie Geschwister, die einander brauchen. Statt Verachtung – wird Achtung vor dem anderen Wesen gelehrt. Auch die Steine sind ihre älteren Brüder, die viel zu erzählen haben, wenn man auf sie hört. Alle Wesen auf der Erde sind beseelt und haben einen Geist, alle haben ihre Sprachen – ihren Spezies entsprechend - und alle kommunizieren miteinander auch. Nur wir – Menschen der Verstandeskultur - nehmen uns das Recht zu behaupten, dass außer uns keine Spezies Sprache hat, weil wir es verlernt haben, zu lauschen und die anderen Sprachen  zu entdecken. Solche ursprünglichen Kulturen verstehen sich als Organismen – ähnlich dem menschlichen Körper, wo nicht nur jedes Organ, sondern auch jede Zelle ihre Aufgabe hat und ihren Sinn erfüllt. Sie setzen auf Gefühl und Mitgefühl und wertschätzen unsere sensiblen Sinne. 

Der Gegensatz zwischen dem Verstand und den Gefühlen ist ihnen fremd. Sie verwurzeln das, was bei uns Verstand heisst, im Herzen, und das gibt ihm eine andere Qualität, verwandelt ihn. Und er steigt von seinem hohen Ross ab und verbindet sich mit den Gefühlen im Herzen – und wird zu Geist. Der Geist ist weit und sieht über sich hinaus. 

Die alten Daoisten verglichen den menschlichen Körper mit einem Staat. Sie lehrten, dass nur ein solcher Staatskörper und Körperstaat langfristig überlebt, dessen Kaiser im Herzen wohnt, weil ein solcher Kaiser Liebe ausstrahlt und alle Pole bejaht. Ein Kaiser, der im Herzen wohnt, weiss alle seine Staats-Organe zu pflegen. Er dankt ihnen, würdigt sie und schenkt ihnen seine ganze Aufmerksamkeit. Seiner Aufmerksamkeit folgt die Energie. Sie blühen und gedeihen dadurch und „arbeiten“ dementsprechend „freudig“ und gut. Auf die Weise versorgen sie nicht nur das ganze Land mit Lebensenergie, sondern geben mit der Lebenskraft auch das Prinzip des Lebens weiter – die Hingabe der Aufmerksamkeit, die Bejahung, das „Wie“ - die Qualität. 

Das Leben sorgt für sich - so lange wir atmen, werden wir mit Energie versorgt. Wenn wir uns aber nie kümmern, werden einige Organe ihre Arbeit vernachlässigen. Müssen sie unter einem ständigen Drill eines herrschsüchtigen Generals arbeiten, werden sie auch irgendwann erlahmen. Wird ihnen aber die Aufmerksamkeit geschenkt, blühen sie auf. Je mehr sie bejaht werden, um so feiner ist die Qualität des Lebensstroms, von der sie selber auch profitieren. Je größere Hingabe an den Strom und das Ganze, um so mehr gedeiht der Einzelne auch. 

Wir können dieselbe Energiemenge weiterleiten, wir können sie ausbremsen oder zu Eis erstarren lassen. Wir können sie  aber auch erwärmen und vermehren, ja, wir können sie zur Explosion bringen. Einstein spricht in seinem Brief an seine Tochter Liesl von der „Bombe der Liebe“. So kann man sich den Urknall vorstellen – Explosion von Liebe, die mit sich in Resonanz geht. Das weiß der Kaiser, der im Herzen wohnt. Das ist es, was ihn, gegenüber dem Verstand, weise macht. Es ist die Lebensweisheit, zu der sich unsere westliche Kultur den Zugang versperrt hat.

Für viele Völker auf der Erde, Völker, denen der Kreis und die Kreiskultur heilig ist, ist diese Weisheit nichts Neues. Für unsere Kultur schon. Es ist an der Zeit, in unserer globalen Epoche wirklich global zu schauen. Tun wir es, sehen wir uns alle – die ganze Menschheit – rund um die Erde im Kreis miteinander sitzen. Ein jedes Volk, schaut zu der gemeinsamen Mitte aus seiner besonderen Perspektive und vertritt die verdichtete Erfahrung seiner Geschichte, die nur aus dieser besonderen Perspektive möglich war. Es ist an der Zeit, dass wir alle miteinander Friedenspfeife rauchen und einander zuhören. Wir brauchen all die Erfahrungen, damit die Essenz des Menschseins zu uns allen spricht und wir unseren Sinn und unsere Aufgabe im Ganzen erkennen. 

Zuzana Sebková-Thaller