Das Lied der Welt
Das Lied der Welt
„Kennst Du das Lied,
das dem Riesen-Brustkorb entschwebte?
Gibt es jemanden, der das Lied je hörte?“,
wollte am nächsten Abend die kleine Siamkatze wissen.
Und - auf einem weichen roten Kissen sitzend -
spitzte sie die Ohren
und die Ohren wurden zu Toren.
Die Alte aber
schenkte sich Wein ein
und bat die Märchen-Horen,
der kleinen Siam-Katze
auch reinen Wein einzuschenken
um ihre Gedanke
in die richtige Richtung zu lenken.
„Der Riesenleib sang
mit seinen zwei Mündern
das älteste Lied der Welt,
das jedes Wesen erkennt,
weil ihn damit bei der Geburt
das Leben selbst
beschenkt.
Aus einem Guss des Nichts
ist
alles,
was ist,
und nimmt
an diesem Kreislauf teil,
der nur deshalb
heil und heilig ist
und bleibt.
Die zwei Zwilling-Köpfe
entsprechen den zwei Gesichtern
der einen singenden Kraft,
die von der Lunge
zum Herzen überschwappt.
Die vier Ohren
horchen auf die Horen,
die aus den Lungen rhythmisch hinausgeschoben,
die Zeit zählend hinausbegleiten
und sicher und locker auf ihr reiten.
Die vier Augen aber
weiten den entstehenden Raum
und ordnen und teilen ihn auch,
wenn die Atemwinde wilde wehen
und die vier Himmelsrichtungen entstehen,
in die sich die vier Riesenarme erstrecken,
und in die Weiten spüren,
den Weltraum genüsslich schmecken,
seine ganze Kraft zurück
zum Brustkorb zischend führen,
sie dort konzentrieren
und fortwährend damit
die Liebe zum Leben schüren.
Und während die zwei Köpfe
in den Himmel ragen,
und es wagen, von dort aus
dem Weben zuzusehen,
sichern die vier Beine
das Stehen und das Gehen
und tragen ohne Hast
diese Riesenlast.
Früher
wurden die Zwillinge tief verehrt -
- überall,
wo Menschen damals haben gelebt.
Und sie waren geliebt
und wurden gehegt und gepflegt
und von jedem Herd
kam ein Gruß.
Das Leben selbst
hat sie ernährt
in Dankbarkeit
für den Fluss,
der sich fortwährend
von den Zwillingen
über die Welt ergoss.
So floss die Lebenskraft
zum Ursprung zurück
und wieder hinaus
und brachte Glück
in jedes Haus
in einem unendlichen Kreis.“