Das Märchen vom kosmischen Siampärchen

Das Märchen vom kosmischen Siampärchen 

„Erzähl´ das alte Märchen,

von dem kosmischen Siam-Pärchen!“,

bat eine junge Siamkatz´,

und die Alte,

die am Feuer saß,

vergaß ihre Sorgen

und griff zu ihrem Märchenschatz.

„Es gibt viele seltsame Wesen.

Die Siamzwillinge seien

die ersten gewesen,

und wer auch auf die Welt kam,

sagte,

dass das Zwillingspaar

früher noch da war.

Und hakte jemand nach

und fragte,

wie es am Anfang gewesen sei,

als sie auf die Welt kamen, 

wusste

niemand richtig Bescheid. 

Von einem Ei

seien sie gekommen,

sage eine uralte Sage.

Das Ei bebte

als es im Nichts schwebte,

und als seine Schale zersprang,

dehnte sich seine Riesenlunge

und sog das Nichts, das da war,

in sich ein,

und

als sich die riesigen Lungenflügel 

zusammenzogen, ward das Nichts

verwandelt und ausgeflogen.

Es flog, bis es nicht mehr ging.

Dann fing 

der Sog der Riesenflügel

erneut an

und zog alles

mit einem Riesenschluchzen wieder ein. 

Seitdem bewegen die zwei Flügel

den Strom in dem Riesenleib,

und mit jeder Dehnung und Zusammenziehung

teilen sie das Nichts in zwei

und verwandeln es 

- im Durchzug - 

ins Sein,

das rhythmisch fließt,

sich teilt und nach außen eilt,

sich verschenkt - unendlich weit, 

und am Rückweg

alles wieder mitnimmt und vereint.

Es gab da auch ein Riesenherz,

das nahm, was von der Riesenlunge kam,

und tat dasselbe, was auch die Lunge tat.

Es entsprach ihr,

weil es dieselbe Sprache sprach.

Die Lunge

machte aus dem Nichts

zwei.

Und das Herz

nahm das entzweite Nichts an,

sog es ein, verdichtete

und spuckte wieder aus,

und brachte auf einen Sog der Lunge

vier Schläge heraus,

und schickte

das ins Blut verwandelte Nichts

in seine zwei Kreisläufe hinaus.

Der Brustkorb, der wie ein Haus

die beiden Riesenorgane barg,

war unendlich groß und karg.

Dort sei der Ort,

an dem aus Nichts

das Leben entstand.

Es entstand,

was das Nichts 

vor der Teilung

noch nie erlebte.

Es zerriss zwar

sein Ei,

und der Riesenriss

bescherte dem Nichts 

einen Riesenschmerz.

Das Herz aber war

auch da

und was geschah,

ward dem Nichts

völlig unfassbar:

Es wurde wieder 

eins und ganz und heil,

und während alles bebte,

spürte

es! - 

und das

war

Glück - 

und Glück war etwas,

was das Nichts

zuvor

noch nie 

erlebte.

Und das Nichts wusste:

um zu spüren,

musste es werden,

und zum Werden

brauchte sein Ei

den Riss.

Das war gewiss - 

das Glück der Heilung

gäbe es nicht

ohne den Riss,

den Schmerz der Teilung,

die Not und Verzweiflung

der Entzweiten.

Und das Nichts

entschied sich, 

zu werden.

Es ließ sich

auf das Werden ein

und es wurde 

rhythmisch geteilt und vereint.

So entstanden

aus dem Nichts,

das sich ins Werden verliebte,

Raum und Zeit.

Sie wussten,

sie mussten sich trennen,

damit das Nichts 

Etwas

werden konnte.

Das ging nur mit vereinten Kräften,

denn der Raum brauchte die Zeit,

um sich zu dehnen und zu teilen,

und die Zeit konnte sich ohne Raum

nicht entfalten. 

Und weil sie einander so liebten,

entschieden sie sich

für ein gemeinsames Zuhaus´,

wo sie sich immer träfen,

zwischen dem „Ein“ und dem „Aus“

und das war der Brustkorb. 

Von da aus zogen sie ihre Fäden,

die sie seitdem miteinander 

zu Wirklichkeit verweben,

damit das Nichts

und wir alle

im Pochen

und im Beben

das rhythmische Glück

des Werdens und Vergehens

fortwährend erleben.

Es pochte und bebte,

und belebte

den riesigen Leib

und es tönte

in seinem Gewebe

und der Riesenleib lebte auf

und erlebte, 

dass ein Lied seinem Brustkorb 

rhythmisch entschwebte,

und ihn innerlich berührte und bewegte

und er verliebte sich in dieses Lied

und entschied

mit zu singen.

Zuzana Sebková-Thaller