Die Alte und ihre Sorgen um die Zeit

Die Alte und ihre Sorgen um die Zeit

Sand, 102016 und 062017

Kein Tier

will heut´ verweilen,

um mit der schrägen Alten

ihre ew´gen Sorgen um die Zeit

zu teilen!

Sie klagt und klagt

und sagt,

jeder messe nur

die Zeit

und frage, wie spät es sei,

und zähle die Tage;

keiner aber 

befasse sich tiefer

mit der schlimmen Lage.

Es sei sehr schad´,

dass keiner fragt

wie es der Zeit

wirklich geht,

und dass keiner wagt

zu sehen, 

wie es

in der Tat

um sie steht.

Es ginge ihr sehr schlecht.

Und dasselbe gälte

für das ganze Geschlecht - 

auch der Siam-Bruder „Raum“

sei bald

aus dem Gefecht.

Die Alte erzählt,

dass die Zwillinge früher

nur einen Körper besaßen,

aber zwei Köpfe,

vier Augen, vier Ohren und zwei Nasen,

und dass sie alles hörten, sahen

und errochen haben.

Irgendwann

vergaßen die Menschen diese Sachen

und als sie einmal

miteinander saßen,

entschieden sie,

die Riesenzwillinge aufzuschneiden

und zu teilen,

zu ergänzen, schön zu machen 

und aufzuputzen,

und als zwei getrennte Riesen

sie vielfältig und vielseitig zu nutzen. 

Zunächst waren die Menschen

damit zufrieden,

was die beiden miteinander schafften.

Allmählich aber machten die Menschen 

immer weniger,

und übergaben den zwei Riesen

ihre eigenen Aufgaben.

Dann

gafften sie sie nur noch an,

lachten sie aus

und dachten nach,

wie sie sie vermehren könnten,

und als sie alle Zutaten

hinzugaben und ihnen

ihre Eigenart

wegnahmen, vergönnten 

sie ihnen nicht mehr,

dass sie zusammenkamen.

Da

begann die Zeit zu lahmen.

Der Raum brach fast zusammen.

Sie wurden aufgerichtet.

Seitdem

muss der Raum

für sich gerade stehen,

und die Zeit 

muss hi-ho-haargenau

die Hamsterräder drehen.

Der Mensch plagt die Zeit

und jagt sie 

wie ein Tier 

weg vom geliebten Raum,

der - auf Krücken aufgestellt - 

bald nicht mehr zusammen hält.

All das habe sich die Alte

sehr zu Herzen genommen.

Sie fühle sich beklommen 

und leide unter Schmerzen,

die sie kaum ertrage.

Als es mit den wilden Tieren 

damals so schief lief,

weil sie ausgerottet oder rar geworden sind,

ist die Alte zu Naturschützern gegangen.

Zeit und Raum sitzen aber

heute noch gefangen.

Zeit- und Raum-Beschützer 

gäbe es zur Zeit jedoch nicht,

und niemand außer ihr brächte

die Geschicht´ ans Licht. 

Die Wissenschaft

ließe alles außer Acht.

Sie mache – sagt die Alte sacht - 

gar nichts,

um eine Kehre

einzuleiten. Sie pflege

nur ihre eigene Lehre,

tage viel, mache Kongresse,

und hetze den zerfetzten Fetzen

ohne Unterlass nach. 

Brach liege bereits

die ganze Erde. 

Die Wissenschaft

habe aber

nur ihr eigenes Wissen 

unter Dach und Fach,

jage weiter die Zeit

und bewache nicht 

die Lage,

obwohl sie doch wissen müsste,

dass es so nicht weiter geht.

Der Spieß werde sowieso

in Bälde umgedreht!

Und in der Tat,

ist es bereits,

wie es die Alte voraus gesagt.

Längst sind die Menschen

die Gejagten, die Gehetzten, 

die Zerfetzten und die Verletzten.

Ihr Schicksal 

sei unmittelbar

an das kosmische Geschwisterpaar

gebunden.

Sind sie krank,

könne die Menschheit

auch nicht gesunden.

Das Wissen

von dem kosmischen Zwillingspaar

ist aber längst vergessen. Nirgends

ist zu lesen, wie man Zeit

zusammen hält, wenn

jede Sekunde davon rennt

und der Raum zusammenfällt.

Die Alte aber schürt Feuer

und Hoffnung.

Sie weiß: 

Brennt es, wird es heiß.

Dann schmilzt das Eis

und der Brustkorb

wird zur einladenden Wohnung.

Dort wohnt 

der Traum,

der zusammenführt

Zeit und Raum,

und die Menschen

werden beginnen,

sich an die Siamzwillinge

zu erinnern...

Darum

sitzt die Alte am Feuer 

und schürt und schürt.